Interview mit dem Regisseur Christian Klandt von Weltstadt

„Ein unangenehmer Film, ich weiß, aber er musste gemacht werden“ (Christian Klandt)

Interview und Foto: Mark Herre

Christian Klandt, Regisseur von Weltstadt und Gewinner in der Kategorie Bester Spielfilm beim Filmfestival achtung berlin im Kino Babylon, erzählt über die Notwendigkeit diesen Film zu machen, seine Heimat Beeskow und die tiefergehende Problematik, die dieser Film anspricht.

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Christian, könntest Du Deine Heimatstadt Beeskow etwas näher beschreiben?

Da fällt mir spontan Fontane ein, der mal gesagt hat „Beeskow klingt nicht so schlimm, wie es ist.“ Fontane hat, warum auch immer, jahrelang verschwiegen, dass seine Frau aus Beeskow kam. Doch im Ernst: Beeskow ist eine über 750 Jahre alte Ritterstadt mit Ritterburg und komplett erhaltener Stadtmauer. Übrigens, ist es egal an welchem Punkt man in Beeskow steht, nach maximal 5 Kilometer in jeder Himmelsrichtung bin ich an einem See.

Wie siehst Du Dich und die Menschen von Beeskow?

Ich bin geprägt durch die Menschen der Stadt, die Landschaft, die alten Gemäuer und vielen Seen und bin froh hier aufgewachsen zu sein. Beeskow hat aber auch mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Arbeitslosigkeit in der Stadt und Region ist zwar nicht so hoch wie in anderen Landkreisen, z.b. Uckermark, Prignitz oder Cottbus, doch es gibt nach wie vor die altbekannten Problemthemen. Viele Menschen meiner Heimat gehören nicht unbedingt zu den Gewinnern der Wende und durch die ganze Hartz IV Thematik kommt das immer mehr zum Vorschein. Ich glaube aber, dass in Beeskow viele Chancen liegen, die noch verborgen sind oder man sich noch nicht traut anzugehen. Das habe ich auch in Weltstadt versucht zu vermitteln.

Was bedeutet der Osten für Dich?

Der sogenannte Osten wird unterschätzt. Es wird zuviel von Chancen im Osten geredet und weniger von Potential. Mich verwundert, dass die Menschen zu DDR-Zeiten vielmehr zusammengehalten haben als heute. Sicherlich gab es früher eine andere soziale Sicherheit, wenn man vom Arbeitsmarkt spricht. Es gab aber soviele Engpässe, Verbote und Regularien in der DDR, dass die Menschen, mit viel Kreativität und Improvisationsvermögen sich etwas einfallen lassen mussten. Dieses Talent und dieser Ehrgeiz geht nach und nach zurück. Ich habe das Gefühl, wenn von Armut, Rückbildung und Rückschritt geredet wird, entschuldigt sich der Osten dafür, dass er Osten ist. Ich denke es ist an der Zeit, knapp 20 Jahre nach der Wende damit anzufangen von Gesamtdeutschland zu reden. Jede Region in Deutschland hat seine Menschen, ihre Probleme, eine Vergangenheit und eine Zukunft.

Mit Weltstadt hast Du einen sehr tiefgründigen Film gemacht. Verfolgst Du eine Hauptthematik in Deinen Filmen?

An der Filmhochschule habe ich die Möglichkeit, Filme zu drehen, die mich interessieren und mich herausfordern – Ich stelle mich einem Genre, und kann mich voll und ganz dem Thema widmen, ohne auf die Verwertbarkeit oder kommerzielle Auswertung achten zu müssen. Das wird später anders sein. Ich möchte gerne Filme machen, die man machen muss und braucht, die ein Thema beinhalten, dass erzählenswert ist, selbst wenn es nicht schön ist oder sogar schmerzt. Mich interessieren Geschichten von kleinen Leuten und von Menschen die mich emotional berühren.

Wie siehst Du die Grundthematik von Weltstadt?

Der Plot ist sehr einfach: Zwei Jugendliche zünden einen Obdachlosen an und begehen damit ein Verbrechen. Aber das alleine ist halt noch keine Geschichte. Deswegen war ich in der Vorrecherche auf der Suche nach dem Grund, weil ich mir diesen nicht erklären konnte. Ich habe viel über den Till und den Karsten recherchiert, mit mehreren Leuten gesprochen und zum Schluss blieb ein großes Fragezeichen. Ich habe mir letztendlich gedacht, den Film auch mit einem Fragezeichen oder einem unterschwelligen Ausrufezeichen enden zu lassen. Das heißt, es gibt kein Argument und keine Entschuldigung für diese Tat, noch gibt es eine Verteidigung oder einen Grund dafür. Es geht um die große Unzufriedenheit, selbst bei Menschen, die einen Job, ein Haus und eine Familie haben und denen es eigentlich gut gehen müsste.

Ist die Story über Till und Karsten Träger einer übergreifenden Problematik?

Till und Karsten sind einfach zwei Jugendliche, die auf ihre Umwelt reagieren. Es sind zwei Figuren von denen man fast täglich in den Zeitungen ließt. Wo die Eltern Alkoholiker sind, keine Arbeit bekommen oder im Plattenbau wohnen. Doch das sind alles keine Gründe für Verbrechen. Die Figur Till kommt sogar aus einem ordentlichen Elternhaus. Mutter und Vater haben einen sicheren Job. Doch was fehlte, war sich Zeit zu nehmen für ihren Sohn. Till ist auf der Suche nach Orientierung, nach einem Gefühl der Anerkennung und Zugehörigkeit.

Ich wollte zeigen, dass die natürlichen Gewalthemmschwellen, also inwieweit man seine Aggressionen auslebt, weg sind. Es ist ein gesamtdeutsches Thema und dem wollte ich auf den Grund gehen. Warum sind ihre Hemmschwellen weg? Was sind ihre Bedürfnisse, was schlummert bei den Kids unterhalb der Oberfläche an Gewaltpotential und warum werden ähnliche Straftaten, bei denen die Schwächeren der Gesellschaft Opfer sind, meistens von Jugendlichen begangen, wie in Hamburg, Angermünde, Berlin oder Frankfurt Oder. Warum ist das so?

Wie war Deine Reaktion nach Bekanntwerden der Tat?

Als ich davon erfuhr, war ich schockiert und fühlte mich betroffen. Es war so ähnlich, als ob ein Familienmitglied ein Verbrechen begangen hätte. Plötzlich war überall von meiner Heimatstadt und der Tat in den Zeitungen zu lesen und ich war traurig darüber, dass nicht in einem anderen Kontext erstmalig über Beeskow berichtet wurde. Zudem kannte ich das Opfer. Aus Interesse und Anteilnahme interessierte mich der Vorfall. Vor allem irritierte mich, dass nach einer Woche fast niemand mehr über die Tat redete. So begann ich erste Recherchen für einen Film anzustellen. Dabei stelle ich fest, dass viele Menschen bis zum Tatzeitpunkt gar nicht wussten, dass es ein Obdachlosenheim in der Stadt gibt. Das hat mich traurig gemacht.

Hätte die Filmidee, die grundlegende Thematik, in einer anderen Stadt umgesetzt werden können?

Ja. Ähnliche Verbrechen sind auch in anderen Städten passiert. Die heutigen Gewalttaten sind ein Problem der Gesellschaft. Selbst wenn die Tat aus einem Effekt heraus entstanden ist, und da sind wir wieder beim Thema Gewalthemmschwellen, kann ich es nicht verstehen. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind auf jeden Fall nicht alleine verantwortlich. Es fängt schon viel früher an. Die Erziehung wird immer mehr den Schulen übertragen, die Elternhäuser sind damit überfordert und die Gesellschaft ist es in jedem Fall.

Die Thematik hätte also überall in Deutschland spielen können. Bei Weltstadt kam die persönliche Bindung hinzu und nach einigen Überlegungen habe ich mich dazu entschlossen, die Geschichte auch an dem Ort des Geschehens spielen zu lassen.

Kannst Du den im Film gezeigten Teufelskreislauf noch einmal darstellen?

Weltstadt ist ein Episodenfilm. Wir fangen in dem Film mit einer Fahrt in die Stadt an und enden auch wieder mit der Stadt. Innerhalb dieser Klammer spielt die Geschichte. Es werden 5 Figuren porträtiert, 24 Stunden vor der Tat, wobei das Verbrechen nicht den Höhepunkt des Filmes darstellt. Ich habe hier mit Indizien und Collagen gearbeitet und die einzelnen Generationen gegenübergestellt, aber auch miteinander verknüpft. Bei Carsten zeigt sich die mögliche Abwärtsspirale, wenn er in seiner Wohnung sitzt und Linsen isst, und später im Obdachlosenheim die Bewohner auch Linsen aus der Dose löffeln. In der Nachtszene habe ich die Party der Jugendlichen im Park und Heinrichs Altherrenrunde miteinander verwoben. Das ist sozusagen mein Versuch zu zeigen: da ist der Kreis, da kann es anfangen und so enden.

Wo steht denn Karsten?

Nah an der Unterschicht. Nur auf Grund dessen, dass er eine eigene Wohnung hat und von seiner Mutter lebt, heißt das noch lange nicht, dass er von den beiden Obdachlosen im Heim weit entfernt ist. Karsten denkt viel zu haben, hat aber nicht wirklich etwas. Er braucht ein Feindbild. Menschen die ein bisschen weitsichtiger sind, schauen, ob sie selbst irgendwo die Schuld an der aktuellen Situation tragen. Bei Karsten ist das nicht so. Er hat einfach Freude daran, Menschen zu beobachten, denen es noch dreckiger geht, um seine eigene Armseligkeit nicht erkennen zu müssen.

Welche Gefühle willst Du mit Weltstadt hervorrufen? Mit welcher Methodik?

Im Film wird mit vielen kleinen Indizien gearbeitet, weil mir genau das wichtig war, da es nicht um den Grund der Tat geht, sondern um ein Gefühl, um einen Zustandsmoment einer Stadt am Tag des Verbrechens. Diese Indizien dürfen missverstanden, falsch verstanden, erkannt oder nicht erkannt werden. Es geht um eine Stimmung. Ich mag es, wenn der Zuschauer sich Puzzlesteinchen nimmt, die man zurechtgelegt hat, und sich daraus sein eigenes Bild macht. Auf diese Art und Weise lebt der Film. Auch die tiefere Ebene oder die Subtextebene macht für mich die Hälfte des Films aus, wenn nicht sogar ein wenig mehr. Das ist meine Art Geschichten zu erzählen.

Subtextebene?

Der Subtext erzählt das, was nicht gezeigt wurde oder werden kann, was zwischen den Zeilen steht. Ich suggeriere Dir etwas. Ich mache Dir mit verschiedenen Mitteln etwas klar oder versuche Dich in eine Ecke zu drängen, ohne dass ich Dich verbal oder mit Handzeichen darauf bringe.

Welche Feedbacks hast Du bezüglich der Gefühle zum Film bekommen?

Ich habe ein überwältigendes Feedback von den Zuschauern bekommen. Die Leute haben mir noch drei Tage nach der Premiere in E-mails ihre Gefühle beschrieben, aber auch sehr analytische Gedanken erzählt. Das macht mich sehr glücklich. Ich bin mit Weltstadt, in der Art des Erzählens, ein Experiment eingegangen. Der Zuschauer sollte Zeit bekommen, die Figuren zu beobachten, sich an ihren Tagesrhythmus gewöhnen und die Geschichte für sich selbst nachfühlbar machen. Das es funktioniert, hatte ich gehofft, aber nicht gedacht.

Welches war Dein persönliches Gefühl, nachdem Du den Film zum ersten Mal gesehen hattest?

Weltstadt ist mein erster Langspielfilm und ein Experiment hinsichtlich der Stilistik und Erzählweise. Ich habe lange daran gearbeitet und täglich mit der Geschichte zu tun gehabt. Man wächst mit der Geschichte. Es ist aber in der Tat ein anderes Gefühl den Film auf großer Leinwand und mit Publikum zu sehen. Kurz vor der Premiere wurde ich dann doch sehr nervös. Die ersten 10 Minuten habe ich nur geschaut, ob der Ton stimmt und alles perfekt ist. Aber nach den ersten Lachern wurde ich ruhiger. Das Publikum hat wunderbar reagiert. Irgendwann vergaß ich meine nervöse Kontrollfunktion und nahm die Energien auf, die vom Publikum und vom Film kamen. Das hat mich sehr berührt.

Wie kam es zu dieser emotionalen Bindung mit Deinen Hauptdarstellern?

Bei den Dreharbeiten zu Weltstadt musste ich mich sich sehr weit öffnen. Wir haben an Orten in meiner Heimatstadt gedreht, die für mich eine Vergangenheit hatten. Dadurch lernten mich die Schauspieler und auch mein Team über den Filmemacher hinaus als Privatperson kennen. Ich glaube, diese Ehrlichkeit hat dazu geführt, dass sich die Schauspieler ebenfalls geöffnet haben und bereit waren diese Herausforderung des Spiels anzunehmen und eigene Erfahrungen mit einzubringen. Wir haben oft stundenlang an einer Szene gearbeitet, nur um die richtige Sprache zu entwickeln. Diese Geduld und Mitarbeit ist nicht selbstverständlich und ich bin meinen Darstellern deswegen sehr dankbar, besonders weil sie nicht nur mit dem Kopf, sondern vor allem mit dem Herzen dabei waren.

Wie habt ihr gearbeitet?

Bevor das Team an den Drehort kam, habe ich mit den Schauspielern die Szene geprobt. Erst als alles stand und wir uns selbst in eine Stimmung versetzt haben, wurden der Kameramann und der Tonmann in den Raum geholt. Das konnte schon mal ein paar Stunden dauern. Alles geschah sehr ruhig und leise um die Stimmung zu erhalten. In den meisten Fällen benötigten wir nur einen Take, um die Szene im Kasten zu haben. Danach wurde nur noch punktuell gedreht, um schneiden zu können.

Bierflasche und Klavier im Wasser: Einen Kommentar bitte.

Nur soviel: Das Klavier ist zwar im Wasser, ist aber nicht untergegangen. Übrigens die Bierflasche war vorher schon drin.

Was kommt als Nächstes?

Eine Komödie. Hintergrund ist eine Studie, herausgegeben vom Forschungsverbund SED-Staat der FU Berlin, in der 5000 Schüler gefragt wurden, was sie über die DDR Vergangenheit wissen. 80% wussten nichts. Der Film heißt „Bundeskanzler Honecker“. Übrigens habe ich vor Weltstadt den Märchenfilm Schausteins letzter Film gedreht, der am 3. Mai im Kino Babylon Premiere hat.

Update April 2009: Bundeskanzler Honecker läuft im Kino Babylon Berlin Mitte am Samstag 18. April 2009.

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6 Antworten zu “Interview mit dem Regisseur Christian Klandt von Weltstadt

  1. Matthias Weickardt

    Hallo,ich habe letztes jahr bei diesem Film mitgespielt und uns wurde gesagt das wir zur vorführung in beeskow eingeladen werden.nun findet diese am nächsten wochenende in beeskow statt zu der ich leider nicht gehen kann weil ich von der bundeswehr aus dienstlich unterwegs bin.nun wollte ich fragen ob es eine andere möglichkeit gibt den film zu sehen.wäre schön wenn sie sich oder einer der chefs von dem film sich mit mir in verbindung setzen könnte,denn eine andere möglichkeit habe ich leider nicht.würde es echt schade finden wenn ich diesen film nicht sehen könnte weil mir die arbeit dort viel spass bereitet hat.im oktober auf arte kann i ihn auch nicht sehen denn ich habe unter der woche kein fernseher.wäre echt nett wenn sie mir helfen könnten.
    Mfg.Matthias Weickardt

  2. I met him here in Spain (where I live) cause he won an award in a Cinema Festival. Couldn’t see the movie, but I’d really love to because it’s a hard, difficult, necessary subject.

  3. Kristin Krüger

    hallo hier maria und Kristin wir ärgern uns das wie nichts erfahren haben wann der film im TV oder im Kino kommt. Uns wurde damals gesagt und versprochen das wir eine Kopie als DVD von dem Film bekommen oder das uns wenigstens einer telefonisch mitteilt. Aber leider hat sich niemand gemeldet und es stand zwar in der Zeitung aber wir alle lesen sehr selten Zeitung. Und wir würden uns wünschen das der Film nochmal im Kino kommt und wir alle zusammen schauen können. Und wir hätten gerne auch die ungeschnittene Fassung und nicht nur 1 stunde. bitten um schnelle antwort per mail. gruß Maria und Kristin

  4. hallo!
    ich hätte auch zu gerne den film gesehen,da ich selbst in beeskow wohne! leider hatte ich nicht die möglichkeit mir den film im kino/tv anzuschauen! nun meine frage: wäre es möglich eine dvd kopie von dem film zu bekommen? über eine antwort per mail wäre ich sehr dankbar! liebe grüße aus beeskow! franzi

  5. ich habe mir den film im kino angesehen und hätte gerne wenn möglich eine kopie der ungeschnittenen version da ich sehr berührt von dem film war

  6. wie heißt denn das Piano Stück, was der Obdachlose ganz am Anfang im Film spielt?

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