Bühnengespräch zur Fotodokumentation ‚Radfahrer’

Argwöhnisch beschattete die Stasi zu DDR Zeiten den Fotografen Harald Hauswald und füllte hunderte Seiten mit belanglosen, oft auf spekulativen Annahmen basierenden, Informationen. Der Film „Radfahrer“ von Marc Thümmler lief gestern im Kino Babylon und zeigt ausgewählte Bilder Hauswalds, unterlegt mit Beobachtungen und Kommentaren aus der Akte ‚Radfahrer’. Im Anschluss fand ein kurzes Gespräch mit den beiden statt. Hier ein Auszug.

Der Film zeigt Fotodokumente aus Ostberlin (vor 1989), nicht wenige Motive befinden sich in Prenzlauer Berg. Im Fokus steht eine urbane Realität, die besonders der Stasi missfallen haben muss. Harald Hauswald fotografierte baufällige Fassaden, zeigte Kinder einsam in einer Baulücke spielend, Menschen in der U-Bahn und solche bei Veranstaltungen. Er dokumentierte den Verdruss,  den Verfall oder das Morbide mit der Kraft des Schwarz-Weiß Bildes. Perspektiven also, die es in der DDR so nicht geben durfte.

Marc Thümmler hatte Zugang zu der Stasiakte und machte einen Film daraus. Zu dem Titel ‚Radfahrer’ sagt er, dass dieser absolut repräsentativ wäre für die Art der Beobachtung, welcher Hauswald unterlag. „Harald hatte mal bei einer Demo teilgenommen und man hielt ihn für den Initiator. Es war eine Fahrraddemo für Umweltaspekte und deswegen wurde er ‚Radfahrer’ genannt. Jedoch war er weder der Initiator, noch hatte er ein Rad besessen. Im Prinzip beruht bereits schon der Titel der Akte auf einer falschen Annahme. Dieses ganze Prozedur beruhte oft auf Spekulationen und Annahmen, wie z.B. er trug eine schwere Tasche“.

Bühnengespräch nach der Vorstellung

Marc Thümmler: „Neben mir steht schon Harald Hauswald, dessen Fotografien wir gerade eine halbe Stunde gesehen haben. Vor genau einem Jahr hatten wir Premiere in Friedrichshain.“

Moderatorin: „Wie ist die Zusammenarbeit entstanden oder wie hast Du Harald überreden können bei dem Projekt mitzumachen? Wie gestaltete sich der Zugang zum Filmmaterial?“

Marc: „Überreden musste ich ihn nicht. Ich hatte den Plan, mich generell mit dem Thema zu befassen und wusste von Harald und seiner Geschichte, denn wenn man sich insbesondere mit der DDR Geschichte auseinandersetzt, dann stolpert man zwangsläufig über die Bilder von Harald.“

„Mir haben seine Bilder sofort gut gefallen und als ich mich bei ihm gemeldet habe, war er sofort einverstanden. Wir haben uns dann getroffen und er hat mir ein großes Vertrauen entgegen gebracht, insbesondere was das Textmaterial betraf. Das waren 1500 Seiten und die Struktur dieser Akte sollte so auch ungefähr im Film wiedergegeben werden. Das betrifft sowohl das Repetitive mit immer wieder den gleichen Textstellen, zwischendurch mal eine Neuaufnahme, als auch diese absolut redundanten Informationen.“

„Vielleicht noch ganz kurz zur Form des Films. Ich fand das Harald mit seinen Bildern eine klare Aussage getroffen hat und mich hat dabei interessiert wie man die Sicht auf Haralds Bilder, die man auch hatte, wenn man seine Ausstellung besuchte, mit einem Gegenblick (Stasi), dem er ja über Jahre hinweg ausgesetzt war, erweitern konnte.

Moderatorin an Harald: „Wie fühlt sich diese Kombination an für Dich? Der Beobachter mit der Kamera, wird im Protokoll beobachtet. Wie wirkt es auf Dich, Deine Bilder auf dieser neuen Ebene zu sehen?

Harald: ”Ich finde es gut, wie Marc das Thema umgesetzt hat, weil dabei die zwei verschiedenen Ebenen zur Geltung kommen. Diesen völligen Blödsinn, den die da verzapft hatten, z.b. ‚Er kaufte zwei Fischbüchsen.’, und auf der anderen Seite ihre Haltung, besonders der Fotografie gegenüber. Zudem kommt die Ernsthaftigkeit herüber, der damals viele Leute ausgesetzt waren. Das finde ich dann schon wieder bedrückend.“

Moderatorin: „Eine Frage über den Fotofilm selber. Wie siehst Du den Unterschied zwischen Dokumentation und eigenem Kunstwerk, im Sinne einmal von der Präsentation (Bildebene mit gesprochenem Text) oder eben als politisches Statement?“

Marc: „Dokumentarfilm stimmt vielleicht insofern, da es sich um Dokumente handelt, die dem Film zu Grunde liegen. Der Film versucht sich auch darauf zu beschränken. Aber Dokumentarfilm nicht im Sinne mit einem Anspruch an Objektiv, da ich besonders versuchte Brüche zu betonen, und es dadurch immer wieder zu einer subjektiven Annäherung kommen kann. Politisch ist es vielleicht eher weniger ein Statement. Ich habe mich auf formale Aspekte konzentriert und vor allem auch durch Harald’s Perspektive und die Sicht vom Kino geschaut.“

„Der Film will vielleicht darüber hinaus auch die Frage an den Zuschauer zurückwerfen. Ist es überhaupt noch ein Film, wenn es gar keine bewegten Bilder gibt? Oder inwieweit verschleifen wir eigentlich Bild und Ton, da der eine oder andere vielleicht gemerkt hat, das vieles oft nicht zusammenpassen wollte. “

Publikumsfragen: „Ich wollte wissen wer der Experte gewesen ist, den man im Hintergrund hören konnte. War das ein Kunstkritiker oder war das eine Rezension aus einer Zeitung?“

Harald: „Das war die Stasi selber und es (Texte) ist ein zwölfseitiges Gutachten.“

Publikum: „Was heißt ‚Sie sind außer Kontrolle geraten’? (Anmerkung: Hierbei handelt es sich um Begriffe/Phrasen aus der Akte)“

Harald: „Ausgebüchst!“

Marc: „Außerhalb des Sichtbereiches und bedeutet in erster Linie außerhalb der Kontrolle der Observierer. So weit ich weiß, hat sich Harald meistens unabsichtlich dieser ‚Personenkontrolle’ entzogen.“

Harald: „Ich habe auch immer gemerkt, dass man observiert wurde. 1983 ist ein guter Freund von mir ausgereist, und danach haben sie mich 10 Tage mit bis zu 10 Leuten am Tag beschattet. Das war nicht zu übersehen. “

Vielen Dank!

Weitere Vorstellungen:
Freitag 20.00 Babylon Kino 3
Samstag 19.45 Passage Neukölln Kino 1

Mehr Infos:
Biographie bei Wikipedia
Das Narbengesicht (Eines Tages Spiegel)

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