Interview

.spurnahme

Regie: Juliane Henrich +++ Interview und Fotos: Mark Herre

„es ist immer etwas dagewesen – truppenübungsplatz der preußen und die maikäferkaserne sportstätte der sozialisten… feuerland nannten sie die gegend“

Im Kaiserreich ein Exerzierplatz, zu DDR-Zeiten das Stadion der Weltjugend und in Zukunft die neue Zentrale des Bundesnachrichtendienstes – Politik und Macht waren stets an diesem Ort in Berlin Mitte präsent. In ihrem Filmprojekt .spurnahme geht Juliane Henrich (24) der Frage nach, inwieweit man Dinge erinnern kann, die man nicht selbst erlebt hat, aber glaubt aus einem Ort lesen zu können. Sie fotografierte viel, sah Dokumentationen und fügte aus vielen Einzelfragmenten eine charakterliche Ortsbeschreibung zusammen.

Militärübungen, Aufmärsche und Weltfestspiele, ein Grenzkontrollpunkt, dann Brache, Golfplatz und bald der BND. Der Ort an der Chausseestraße hat viel gesehen. Was hat Dich hier so fasziniert, dass du ein Filmprojekt daraus gemacht hast?

Ich beschäftige mich schon seit längerem mit der Abrissthematik in ostdeutschen Städten dabei haben mich oft die Geschichten hinter der Architektur interessiert und wie Städte sich so selbst eine Identität geben.

Zum Beispiel?

In Leipzig gibt es sehr großen Leerstand an Wohnungen. Als ich noch dort wohnte, konnte ich den Abriss von ganzen Häuserblocks beobachten, manchmal sogar filmen. Mein Projekt schlüssel verlieren erzählt hiervon – die fiktive Geschichte einer Familie und dem Abriss ihres Hauses. Diese Themen haben mich wahrscheinlich dazu gebracht, auch an der Chausseestraße ein Projekt zu machen.

Obwohl auf dem Gelände selbst nie eine Wohnnutzung stattgefunden hat?

Ja, denn anfangs beschäftigte ich mich nicht nur mit dem ehemaligen Standort des Stadions der Weltjugend, sondern mit der gesamten Umgebung, wozu auch Wohnungen gehören.

Wie hast Du Dich dem Ort genähert?

Durch Fotografie. Ich fotografierte im ganzen Viertel und fand die Baustelle sehr interessant. Eine riesige Brache. Die Sandberge gehörten zu meinen ersten Motiven. Bei einer Recherche fand ich dann heraus, dass hier einst das Stadion der Weltjugend stand, in dem große Paraden stattfanden sowie in unmittelbarer Nähe der Kontrollpunkt 26 lag. Ein Bekannter erzählte mir von Wohnungen im Umkreis des Kontrollpunktes, die heute noch eine Verhörzelle haben. Das hat mich fasziniert – die Präsenz der Stasi dort im Grenzgebiet, in direkter Nachbarschaft zu dem Ort, an den jetzt der Bundesnachrichtendienst kommt. Mein Interesse war geweckt…

…und so ist die Idee für .spurnahme entstanden?

Die Idee ist über einen längeren Zeitraum gereift. Es kamen auch mehr und mehr Fotos hinzu. Letztendlich hat der Charakter des gesamten Gebietes den Ausschlag gegeben. Ich empfand die Gegend immer irgendwie als dörflich. Im Hinterhof eines leerstehenden Hauses in der Scharnhorststraße gibt es eine ganze Schar streunender schwarzer Katzen…(ein paar hundert Meter weiter hängen Unterwäsche und Bettlaken auf der Leine) Diese Idylle stößt dann plötzlich an die Zäune und Absperrungen der umliegenden Ministerien mit ihren ausgetüftelten Überwachungssystemen. Ein interessanter, aber auch sehr harter Kontrast.

Der ja durch den ehemaligen Mauergrenzstreifen noch zusätzlich verstärkt wird.

Ja, das gesamte Gebiet ist durch die Mauer geprägt. Ich selbst schaue von meinem Fenster auf ein altes Teilstück der Mauer. Es ist in gewisser Weise ein aus dem Kontext gerissener Ort. Das Interessante ist also für mich, wie sich Orte entwickeln die starke Umbrüche, Veränderungen oder Zerstörunge erlebten.

Welche Erkenntnisse oder Erinnerungen nimmst Du von Deiner persönlichen Spurnahme mit?

Ich bin überrascht, wie viele Brachflächen es in Berlin gibt – wahrhaft monumentale Räume. So viel Platz für Entwicklung hat wahrscheinlich nur eine Stadt wie Berlin. Interessant fand ich auch die Verwendung großer Teile des Berliner Stadtschlosses als Tribünenaufschüttung für das Stadion der Weltjugend. Durch meine Recherche habe ich letztendlich viel gelernt über Berlins Vergangenheit – über preußische Geschichte, den kalten Krieg, Jugendorganisationen in der DDR, Propagandafilme und Massenveranstaltungen.

Gab es irgendwelche Schwierigkeiten?

Erstaunt war ich, dass auf dem zukünftigen BND-Gelände bereits sehr früh Flutlichter, Zäune und Kameras installiert wurden. Dies behinderte mich teilweise bei meinen Recherchen, da ich nur Fotos machen durfte auf denen keine Menschen und Fahrzeuge zu sehen sind. Am Ende hatte ich dann aber so viele Fotos gemacht, dass ich oft bei der Text-Bildzusammensetzung steckengeblieben bin, das war glaube ich der schwierigste Teil überhaupt.

Text- und Bildzusammensetzung?

Ja. Das Zusammensetzen der einzelnen Materialien – der Fotos, Archivaufnahmen, meines eigenen Textes, dessen Fragmente aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen kamen – zu einem durchgehenden Film. Es war eine ziemliche Gratwanderung, die Textebene nicht zu illustrativ zu machen. Schließlich sollte sie nicht beschreiben was auf den Bildern zu sehen ist, sondern ergänzen, tiefer gehen und andere Assoziationsräume aufmachen…

…wie zum Beispiel?

Das Bildmaterial ist eher kühl, ohne Menschen und mit großem historischen Ausblick . Der lyrische Text liefert dagegen eine Innensicht der Dinge, ist eine Art persönliche Ansprache oder ein Brief zwischen all den technischen Bildern der Baustelle und den Filmaufnahmen der Paraden, die nie einen einzelnen Menschen zeigen. Er gibt ganz kleinteilige Erinnerungen und Eindrücke wieder, die wie gesagt zum Teil auch aus ganz anderen Zusammenhängen stammen, sich aber auch auf diesen Ort „anwenden“ lassen.

Könntest Du Dir eine Spurnahme auch an anderen Plätzen in Berlin vorstellen? Schließlich haben der Potsdamer Platz, das Gelände um den Hauptbahnhof oder der Schlossplatz eine bewegte Geschichte hinter sich und waren oder sind Objekte großer städtebaulicher Planungen.

Ja. Mich interessiert aber auch immer die Entwicklung und charakterliche Prägung von Orten, die ein wenig abseits liegen. Ich mag Orte wie die Bernauer Straße oder den Invalidenfriedhof, der zu Ostzeiten Begrenzung der Berliner Mauer war und auch die Scharnhoststraße, die eine interessante Entwicklung zeigt.

Was interessiert Dich in Deiner näheren Wohnumgebung?

Es gibt diesen alten Grenzturm in der Nähe des Hamburger Bahnhofs. Ein prägnanter Ort, damals Todesstreifen und heute umschlossen von Wohngebäuden. Herr Litfin, der Bruder von Gunther Litfin – dem ersten Maueropfer – kämpfte jahrelang für die Erhaltung dieses Grenzturmes, der nun wie falsch platziert wirkt. Am Berliner Hauptbahnhof stehen auch die Überreste des ehemaligen sternförmigen Zellengefängnisses. Obwohl es heute eine Gedenkstätte und ein Ort der Ruhe inmitten des Stadtverkehrs ist, habe ich hier immer ein merkwürdiges Gefühl, vielleicht auch wegen des Gedichtfragments, das dort an der Mauer steht.

Wohin geht’s als Nächstes?

Ich will als nächstes einen Film über meine Oma und ihr Haus machen. Sie weiß aber noch nichts davon und lässt sich normalerweise nicht mal fotografieren. Mal schauen, was das wird…

.spurnahme freitag, 18. april 2008, 20:15 uhr kino 1im baylon berlin:mitte

regie: juliane henrich

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2 Antworten zu “Interview

  1. Pingback: Interview mit Juliane Henrich von .spurnahme « festivalblog achtung berlin

  2. michael steinmann

    hi jule,wollte dir noch (nachträglich)zu deinem film „spurnahme“gratulieren!MfG steinmann

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