Deutsche Seelen – Leben nach der Colonia Dignidad Premiere

Deutsche Seelen - Leben nach der Colonia Dignidad mit Britta Buchholz, Matthias Zuber und Martin Farkas im Kino Babylon

Gestern Abend kamen viele Besucher ins Kino Babylon, um die Berlin Premiere von “Deutsche Seelen – Leben nach der Colonia Dignidad” zu sehen. Im Anschluss ergab sich ein reges Bühnengespräch mit den Regisseuren Matthias Zuber und Martin Farkas sowie Drehbuchautorin Britta Buchholz über die dort lebenden Menschen, deren Perspektiven, Hoffnungen und Ängste. Die Meinungen, Fragen und Antworten können hier auf dem Blog noch einmal nachgelesen werden.

Informationen und weiterführende Links zum Film und Thema gibt es am Ende des Artikels.

Kurzinfo

Die Colonia Dignidad, heute Villa Baviera, ist ein deutsche Siedlung (40ha) südlich der Hauptstadt Santiago de Chile. Paul Schäfer gründete die Colonia 1961, welche seit 1977 unter der Beobachtung von UNO und Amnesty International steht. Zu den Straftaten, die Schäfer und einige Mitglieder verantworten, zählen Folter, Sklavenhaltung, medizinische Versuche an Häftlingen, Kindesmissbrauch sowie körperliche Quälereien mit Elektroshocks und Psychopharmaka.

Gespräch

Publikum: Wie lange seid Ihr in Colonia Dignidad mit den Bewohnern zusammen gewesen? Wie lange hat es gedauert, bis die Leute anfingen wirklich etwas zu erzählen?

Matthias Zuber: Ein bisschen mehr als zwei Monate. Im November 2006 sind wir dort angekommen und im Januar 2007 wieder gefahren.

Es gab zuerst eine lange Zeit, in der wir die Kamera einfach liegen gelassen haben. Etwa einen Monat haben wir gar nicht gedreht, sondern waren einfach nur dort. Wir sprachen mit den Leuten, um ihnen unsere Position zu erzählen und wofür wir letztendlich stehen. Wir haben dann versucht, uns langsam (mit der Kamera) anzunähern. Mit manchen Bewohnern ging das ganz gut und dabei sind auch Freundschaften entstanden.

Martin Farkas: Am Anfang wollte natürlich niemand sprechen. Interessanterweise war der erste, der bereit war mit uns ein längeres und ernsthafteres Gespräch zu führen, Kurt Schnellenkamp. Sicherlich einer der Hauptverantwortlichen für die Ereignisse in Colonia Dignidad. Ich denke, er sah darin vielleicht eine Möglichkeit sich rechtfertigen zu können. Zudem hat er in der Gemeinschaft wenig Gesprächspartner und glaubte, diesen in uns zu finden. Gegen Ende hin wollten dann immer mehr Leute mit uns sprechen und wir haben sehr viel gedreht. Es gab dort ein sehr großes Bedürfnis mit uns zu sprechen.

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Moderator: Du hattest gesagt, Ihr habt Eure Position klar gemacht. Was habt Ihr den Bewohnern gesagt, um letztendlich auch so eine Art Vertrauen aufzubauen?

Matthias Zuber: Unsere Grundidee war dort hinzufahren, Leute zu filmen und zu beobachten, Leute die sich in einer ganz seltsamen Scharnierposition befinden. Dort ist ein totalitäres System zusammengebrochen; das funktioniert nicht mehr, aber etwas Neues ist auch noch nicht entstanden. Uns interessierte, was geschieht mit den Menschen, die 40 Jahre in einer komplett anderen Welt gelebt haben. Wie gehen sie mit Opfer- oder Schuldgefühlen um. Genau das haben wir ihnen erzählt.

Es gab auch Reibungspunkte. Eine junge Frau erzählte uns, dass sie ihre Tochter schlägt, wenn sie lügt und sie wollte wissen was wir darüber denken. Sie reflektieren die Dinge die passieren und leben dann damit weiter. Wir fragten sie, was sie ihrem Kind eigentlich damit erzählt, wenn sie ihre Tochter schlägt. Das Gewalt in bestimmten Bereichen in Ordnung ist? Du erzählst nicht die Strafe, sondern etwas anderes. Es fand also ein Austausch statt und nur so war es möglich an Leute wie Aki oder noch viel mehr vielleicht an Rüdiger heranzukommen.

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Publikum: Es gab wenig Gespräche mit Frauen in der Dokumentation. Woran lag das?

Britta Buchholz: Es gab natürlich auch Gespräche mit Frauen, z.B. mit Akis Frau, aber wir haben uns relativ schnell auf die Männer konzentriert. Das lag daran, dass Kurt Schnellenkamp und auch Aki sehr schnell mit uns reden wollten; sie vor allem auch ein ganz starkes Bedürfnis dazu hatten. Die Frauen dagegen, wahrscheinlich auch durch ihre Erziehung, waren alle sehr zurückhaltend. Die Gespräche die mit ihnen entstanden sind, kann man nicht vergleichen mit den Gesprächen, die wir mit den Männern führten. Bei den Frauen scheint das Leid noch viel weniger aufgearbeitet.

Matthias: Ich glaube, dass hat auch mit dem Rollenverhalten zu tun, welches sie über Jahrzehnte hinweg einstudiert haben. Unsere Gespräche waren dann meistens auch nur mit Männern und mit ihnen entwickelte sich so eine Art Männerfreundschaft.

Martin: Es gab einige Frauen, mit denen wir ohne Kamera gesprochen haben. Sie haben angefangen zu erzählen, wollten aber auf keinen Fall vor die Kamera. Es gibt diesen einen Off-Text, wo eine Frau erzählt, dass sie geschlagen wurde. Sie hat dass aber sofort wieder zurückgenommen und meinte, es hätte sie nur noch gläubiger gemacht. Es war sehr schwierig und das muss der nächste Film leisten.

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Moderator: Werdet Ihr den Film dort, in der Colonia Dignidad zeigen?

Martin: Wir haben im Juni vor nach Chile zu fahren, also wir haben es ihnen versprochen und werden es auch machen.

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Publikum: Ich fand es faszinierend zu sehen, dass Täter und Opfer weiter miteinander leben, und ich finde, dass habt Ihr sehr gut eingefangen. Manchmal waren die Grenzen sicherlich auch fließend, aber ich denke, dass Kurt Schnellenkamp einer der Täter war und dies hätte man noch besser herausarbeiten können.

Matthias: Vor dem Film gab es ein Konzept zu einem anderen Film. Da ging es um das Böse, also etwas sehr Abstraktem, und im Laufe dessen ist Britta mit der Geschichte zu uns gekommen. Von diesem Vorkonzept ist etwas mit in diese Geschichte eingeflossen. Eine wichtige Erkenntnis über die Recherche zum Bösen war, dass wir das Böse stets exterritorialisieren. Die Bösen sind quasi immer die anderen.

Wir hatten daher versucht in Kurt etwas allgemein Menschliches zu sehen, etwas dass vielleicht auch in uns ist. Martin hat es vorhin im Radio schon gesagt. Es geht um Grenzen. Man hat ein Ziel und für dieses Ziel akzeptiert man viele Sachen. Manchmal solche die nicht richtig sind, zu denen man Ja sagt, obwohl man Nein sagen muss. Es gibt dann eine Grenze, wo man plötzlich auf der anderen Seite steht. Wie das funktioniert und wie man danach weiter damit umgeht, das haben wir versucht auch mit Kurt zu beschreiben. Deswegen haben wir ihn vielleicht auch nicht stärker als Täter markiert.

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Publikum: Mich interessiert auch noch, was aus den anderen (Tätern) geworden ist. Frau Dr. G. Seewald. oder Dr. H. Hopp z.B.; sind die immer noch in der Colonia Dignidad?

Matthias: Als wir dort waren, war Dr. H. im Gefängnis. Frau Dr. Seewald reagierte sehr allergisch auf Kameras und wollte nicht gefilmt werden. Wir haben das respektiert, worüber sie verwundert war. Am Ende wollte sie aber doch ein großes Interview geben. Martin hat einen sehr starken Bezug zu ihr bekommen, da er der Kameramann war, zudem Regie mitführte und ihren Wunsch respektierte. Sie konnte dadurch sehr viel Vertrauen zu ihm entwickeln und hat recht intensive Gespräche mit Martin geführt.

Martin: Frau Dr. Seewald ist eine Ärztin, die in der Colonia Dignidad gearbeitet hat und versuchte mit Psychopharmaka und Elektroschocks, den Kindern die Erinnerung an den Missbrauch zu nehmen. Sie wurde verurteilt und wird als einzige von der Gemeinschaft auch immer als Schuldige benannt. Sie lebt dort wieder, da sie schlecht beieinander ist. Wir haben jeden der nicht gefilmt werden will, respektiert und das hat uns den Zugang zu vielen Menschen eröffnet.

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Publikum: Ich habe gemerkt, dass die Leute Angst haben, Angst, dass die Täter wieder stärker werden, dass sie selbst wieder in Gefahr kommen könnten.

Martin: Die Angst spielt eine sehr große Rolle und diese Angst wird auch immer bei ihnen bleiben. Es hat in Colonia Dignidad aber auch Entwicklungen gegeben, auch dadurch das wir da waren.

Matthias: Es gibt diese enorme Angst innerhalb der Gemeinschaft, aber dann auch eine starke Angst nach außen. Die DINA (Inlandsgeheimdienst) existiert zwar nicht mehr in dieser Struktur wie damals, aber manche Bewohner wollten nichts über die DINA aussagen, weil die Leute, die das bereits tun wollten, hatten Autounfälle, anderweitige Unfälle oder bekamen Morddrohungen. Es existiert also noch ein Klima der Angst nach außen hin.

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Publikum: Hat von den Bewohnern jemand den Wunsch geäußert dort wegzuziehen?

Britta: Als Schäfer gegangen ist, lebten dort noch 500 Menschen. Mittlerweile ist ein Drittel weggegangen aus der Colonia und lebt in Chile, ein Drittel ist nach Deutschland gegangen und ein anderes lebt weiterhin in der Siedlung. Man kann nicht klar sagen aus welchen Gründen, da hat jeder einzelne seine individuellen Gründe gehabt. Aki lebt und arbeitet mittlerweile auch draußen. Viele die nach Deutschland gegangen sind, haben zudem Probleme, da sie nie eine Ausbildung erhielten und noch dazu 40 Jahre in einer ganz anderen Welt lebten.

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Moderator: Die Gemeinschaft wird ja auch recht deutlich aufrecht erhalten. Man sieht, dass ein Weihnachtsfest stattfindet oder das die Kinder Onkel und Tante sagen. Es muss ja nach wie vor Strukturen geben, die funktionieren und von irgendwelchen Leuten auch gestützt werden.

Matthias: Es gibt einen Dorfrat und aus der Sekte sind fünf Aktiengesellschaften entstanden. Die ehemalige Sekte lebt in der siebten Region, ein wenig unterhalb der Mitte von Chile und es ist mit die ärmste Region des Landes. Die Colonia Dignidad ist dort der größte Arbeitgeber mit rund 700 Angestellten. Im Film sah man ja die Felder oder die Konditorei, welche die größte Supermarktkette Chiles beliefert. Sie haben zudem eine Steinbrechanlage, also insgesamt verschiedene wirtschaftliche Aktivitäten, die in diverse Gesellschaften gegliedert sind. Die jetzigen Bewohner haben Anteile daran und versprechen sich Einkommen und Auskommen davon.

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Publikum: Gab es nicht von staatlicher Seite aus jemals die Bemühungen diese Gemeinschaft aufzulösen, schließlich wachsen dort ja auch wieder Kinder auf, die vermutlich diese Traumata übernehmen werden?

Martin: Nach Schäfers Verhaftung wurde auf das gesamte Gelände ein Embargo gelegt. Sie durften nichts verkaufen oder nur sehr eingeschränkte Geschäfte betreiben. Man ging nach dem Ende der Gerichtsverhandlungen davon aus, dass große Reparationszahlungen anstehen. In Gesprächen zwischen der chilenischen Regierung und dem deutschen Außenminister gab es dann aber die Überlegung, die Leute zu unterstützen.

Vom Auswärtigem Amt wird ein Psychotherapeutenteam bezahlt sowie ein Jurist, der den Menschen hilft, sich wieder in die chilenische Gemeinschaft zu integrieren. Es bleibt jedoch weiter unklar, ob die Colonia zerschlagen wird. Es gibt aber auch sehr viele Querverbindungen zur chilenischen Gesellschaft und hier besteht eine gewisse Zurückhaltung bestimmte Dinge anzugehen oder aufzuklären. Man belässt es dabei, vernachlässigt es. Doch es gibt auch Druck von öffentlicher Seite. So darf H. Hopp, der mittlerweile aus dem Gefängnis entlassen wurde, nicht mehr in der Colonia Dignidad leben, sonst würden den Bewohnern bestimmte Förderungen gestrichen werden.

Vielen Dank für die Diskussion.

Weiterere Informationen im Rahmen des Films
Deutsche Seelen – Leben nach der Colonia Dignidad

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6 Antworten zu “Deutsche Seelen – Leben nach der Colonia Dignidad Premiere

  1. Hallo, ein ergiebiges Gespräch. Freue mich sehr das die Wahrheit über die aktuelle Situation langsam aber klar ans Licht kommt. Bin als 17 jähriger in die Colonie gebracht worden, mißbraucht,E-geschockt, jahrelang mit Medikamenten behandelt, verprügelt, Seelisch und körperlich abgewrackt worden. Ich habe heimlich einen Brief an den damaligen Bundespräsidenten J. Rau geschrieben und ihn zur Botschaft in Santiago geschafft, zu Händen Herrn Fischers, der ihn Herrn Rau bei seinem Chilebesuch übergab. Der Bundespräsident lies den Brief bei einem Treffen mit dem chilenischen Präsidenten R. Lagos vorlesen und bat ihn bei der Lösung des CD-Problems zu helfen. So begann die Öffnung und das Einsteigen von Behörden und Botschaft in die Köpfe und danach in die Herzen der Menschen. Der Film „Deutsche Seelen“ ist hoffendlich nur der erste Schritt in die einzig richtige Richtung, vor allem mit den rechten Anliegen, mit Aufrichtigkeit und mit gegenseitiger Achtung. –Macht weiter so! — Bitte. Der einzelne Mensch hat es verdient. Seit drei Jahren lebe ich wieder in Deutschland und habe schon viel Zeit und Geld investiert diesen Menschen, meinen ehemaligen Leidensgefährten , Soziales und kulturelles Bildungs- und Informationsmaterial zu schicken. Danke dem ganzen Filmteam. Habe eure Ankunft in der CD noch mitbekommen, bin aber im Dez. nach Deutschland. Peter Rahl

  2. Rosemarie Bartuschat

    Ich war Miglied der Hamburger ‚Missionsgruppe‘
    Mich würde das Schicksal der älteren Bewohner interessieren und vor allem auch, inwieweit das Erdbeben Die CD betroffen hat.

  3. Liebes Filmteam,

    wir waren selbst 2009 nach dem Studium zu zweit einige Zeit zu Besuch in der Kolonie und haben viel mit den Bewohnern gesprochen.

    Den Film würden wir gerne sehen, wenn Sie wollen uns auch gerne mit Ihnen austauschen über Erfahrungen.

    Wir bitten um Email, wie man den Film erwerben kann, er ist oft im Internet zu finden, aber keine Möglichkeit des Kaufens gegeben.

    Bitten um Kontakt, vielen Dank
    Tobias

    tobias.sanz@googlemail.com

  4. Christel Mehring

    mich interessiert alles über die ColoniaDignidad, ich war auch schon dort. Die Menschen dort brauchen Hilfe, viele sind jetzt arm dran.

  5. Sandra Wollersheim

    Hallo,

    wo kann man den Film bekommen? Bin sehr an der Thematik interessiert und würde mich über eine schnelle Antwort sehr freuen.

    Liebe Grüsse

    Sandra Wollersheim

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